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Schummeln für Schlaue: GPT - Ein Chatbot macht Furore

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 01.05.2023, 21:49 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Gerhard Bachleitner Bericht 12364x gelesen
Roboter sind eine populäre, aber kurzschlüssige Metapher für KI
Roboter sind eine populäre, aber kurzschlüssige Metapher für KI  Bild: Referat Limburg

München [ENA] Das im vergangenen Winter quasi über Nacht populär gewordene große Sprachmodell Chat-GPT, eine zu natürlichsprachigem Dialog fähige KI des kalifornischen Unternehmens Open AI, beschäftigte Ende April 2023 in einer Online-Konferenz auch den Münchner Kreis.

Die Fokussierung des nicht nur aktuell, sondern geradezu akut gewordenen Themas auf seine Folgen für die Bildung ist kein Zufall. KI selbst versteht sich nämlich hauptsächlich als lernendes System - in der Phase des Trainings ebenso wie in der Anwendung. Sie ist ein lernendes System, das soviel schneller als wir lernt, daß wir dadurch ein Problem bekommen. Einerseits ist die KI das richtige Produkt zur richtigen Zeit, hilft uns in der ständig wachsenden Erklärungsbedürftigkeit unserer technischen und informationellen Welt.

Andererseits kann sie uns in der Bewertungsbedürftigkeit unserer Welt vorerst nicht oder nur mit unzureichender Transparenz helfen. Vor allem aber bahnt sie einem Kurzschluß zwischen Erklären und Bewerten den Weg und kann Schüler und Studenten hindern, ein eigenes Urteilsvermögen auszubilden. Was bisher als Medienkompetenz bestenfalls halbherzig, wenn überhaupt, gelehrt wurde, wird nun zukunftsentscheidend wichtig. Viel mehr Leute als bisher werden zu Informationsmanagement genötigt, und wie sich dessen Fehlen auswirkt, sehen wir seit einigen Jahren in den "sozialen Netzwerken", in denen die Trennung von Sache und Person und Wahrheit und Lüge großflächig fehlt.

Im Bildungssystem wie auch anderen Sektoren der öffentlichen Verwaltung war die Integration aktueller Technik schon bisher ein Problem: Verschleppung, Verweigerung, Verkennung, Verzweiflung sind einige Stadien dieses Prozesses. Diese Diskrepanz verschärft sich nun durch die allseitige Verfügbarkeit einer dialogfähigen KI. Sie tritt mit ihrer Erklärungs- und Präsentationskompetenz in unmittelbare Konkurrenz zum Lehrer. Der Schüler kann sich virtuell dessen Wissen aneignen/anmaßen. Damit wird die traditionelle Lehrer-Schüler-Konstellation eingeebnet. Im Bildungssystem findet jetzt auch die Disruption statt, wie sie andere Branchen bereits erlebt haben und noch durchleiden.

Daß diese Disruption von außen über uns kommt, beweist nicht nur (erneut), in welchem Ausmaße die Digitalisierung eine Quertechnologie ist - was hierzulande offenbar gerne verdrängt wird -, sondern führt auch vor, was es heißt, wenn eine (Kultur-)Technik nicht aus der eigenem Kultur erwächst, sondern mangels eigener Ressourcen und Innovationswilligkeit importiert werden muß. Entfremdung und Abhängigkeit sind absehbare, selbst verschuldete Folgen. Jetzt bekommt das Bildungssystem die Aufgaben, die es verdient (und die es bisher schon nicht gut bewältigt hat - könnte der Spötter hinzufügen).

Der Lagebericht, den Bernhard Rothauscher, Schulleiter am Goethe-Gymnasium in Regensburg, vom Einsatz der neuen Werkzeuge gab, klang auffallend optimistisch, so, als ob Innovation in der deutschen, föderalen Schullandschaft nie und nirgends ein Problem wäre. Ja es klang so, als ob die Kultusbürokratie mit ihrem "kompetenzorientierten" Lehrplan die KI und ihre Übernahme der reinen Wissensvermittlung bereits vorausgeahnt hätte.

Ehrlicherweise deklarierte er viele Züge seines Konzepts als Idealvorstellung oder "notwendige Rahmenbedingungen", also Desiderate. Dazu gehören so fromme Wünsche wie "ein von der Gesellschaft getragener, Bundesländer übergreifender Konsens" beim KI-Einsatz an Schulen, "Raum und Zeit für Ausbildung von Lehrkräften" und "datenschutzkonforme Plattform(en)/KI-Systeme nach europäischem Recht".

In welche Richtung wollen wir schauen?

Die Konferenz brachte zwei recht entgegengesetzte Positionen zusammen, Bestandswahrer und Innovatoren. Erstere repräsentierte der erfolgreiche Plagiatsjäger Michael Heidingsfelder ("VroniPlag"), der in seinem Referat in das trübe Gewässer fragwürdiger Politikerdissertationen hineinleuchtete. Diese für die Vergangenheit verdienstvolle Tätigkeit mit den Eigenschaften und Leistungen heutiger und künftiger KI in Verbindung zu bringen, wäre jedoch eine Verirrung. Darauf legte Dr. Anika Limburg wert. Als Leiterin des LehrLernZentrums der Hochschule RheinMain beschäftigt sie sich seit 2019 mit den Implikationen von KI-Schreibtools für die Hochschulbildung, kennt also die heutige Praxis ganz genau.

Die Disruption durch die KI besteht ja gerade darin, Texte zu generieren, die originär und insofern keine Plagiate sind und trotzdem nicht vom auftraggebenden Menschen stammen. Angesichts eines nichtmenschlichen Autors läuft der Plagiatsvorwurf ins Leere. Daß sich Autorschaft und personale Existenz/Identität entkoppeln, ist ein juristisch neuer Sachverhalt, den man nicht mit dem traditionellen Begriffsraster fassen kann. Juristische, schulische und akademische Bewertungskategorien müssen gleichwohl angepaßt werden, wenn dem Menschen nun eine neue, intellektuell-kognitive Extension zuwächst. Diese Neubewertung bleibt der jeweiligen Institution überlassen.

Daß eine dialogfähige KI der Denkfaulheit vieler Menschen Vorschub leistet, ist unübersehbar und war schon bei der Markteinführung von Navigationssystemen zu beobachten. Die Verführung, dem digitalen Plappermäulchen alles zu glauben, wird für viele unwiderstehlich sein. Aus der Perspektive einer demokratisierten oder ubiquitären KI betrachtet wird ein kuratiertes Leben für alle die Folge sein. Etwas sarkastischer formuliert: Der Mensch ist die geplante Obsoleszenz der KI.

Die Kulturtechnik Mensch-Maschine-Interaktion erreicht also eine neue Stufe, die eine Rekonfiguration des Menschen erfordert. Schlichte Verbote aufgrund von Bestandswahrungsinteressen sind selbstverständlich kontraproduktiv und würden nur die eigene Innovationsunfähigkeit (als Gesellschaft und Volkswirtschaft) dokumentieren. Es verbietet sich, etwas regulieren zu wollen, zu dem man selbst nicht im Stande ist.

Viel mehr Sorgen müßte hingegen die Abhängigkeit von einem oder einigen kommerziellen Anbietern in einem anderen, innovationsfreundlichen Kulturraum machen, denn es wäre höchst fahrlässig, jetzt auf das Angebot von Open AI und anderen Firmen Geschäftsprozesse und Infrastrukturen aufzusetzen, ohne Garantien über Bestand und Fortentwicklung des Angebotes zu haben. Wie kolportiert wird, hat sich Open-AI-Chef S. Altman gegenüber Microsoft vorbehalten, jederzeit 'den Stecker zu ziehen', wenn ihm die Entwicklung unheimlich werden sollte. Am Ende steht man wieder ratlos und betrübt da, angesichts europäischer Regulierungsambitionen, die gar nicht erst die Innovationshöhe und Innovationsstärke der KI erreichen.

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