Montag, 02.11.2026 00:04 Uhr

Medientage München 2026: Own it!

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 01.11.2026, 17:20 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Gerhard Bachleitner Bericht 424x gelesen
Eingang zum Konferenzort, dem House of Communication
Eingang zum Konferenzort, dem House of Communication  Bild: Gerhard Bachleitner

München [ENA] Schon das Motto der Medientage konnte stutzig machen. Weshalb nun plötzlich wieder Besitz, nachdem wir bisher Plädoyers für "pay per use", also die Substitution von Besitz durch Mietmodelle, vernommen hatten? Schon 2000 bei Jeremy Rifkin: "Access. Das Verschwinden des Eigentums."

Interpretationshilfe gab sogleich Dr. Th. Schmiege, Veranstalter für die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien, BLM,. Own it könne auch heißen: die Dinge selbst in die Hand nehmen, oder: Verantwortung dafür übernehmen. Man zielte also auf 'digitale Souveränität", als Kontinent, Staat und Individuum, und sah sich in seinem Bemühen um Datenschutz offenbar bestätigt. Tatsächlich erweckt es Neid, Mißgunst, Argwohn, zu sehen, wie eine Unmenge von europäischen Nutzerdaten in den großen Magen der kalifornischen oder chinesischen KI-Modelle fließen und dort das neue intellektuelle Weltmodell konstituieren, ohne daß man selbst eine nennenswerte Einflußmöglichkeit hätte.

Man weiß, daß dort die Zukunft gebaut wird, während Europa in hilflosen oder trotzigen Abwehrkämpfen abseits und rückwärtsgewandt steht. Genüßlich blättert man die Nebenwirkungen und Untaten der KI auf, die mittlerweile zur geläufigen Litanei geworden sind: * * * * * *

der ungesunde 'Hype', d.h. die rasende Geschwindigkeit, zu der ein agiles Unternehmertum ohne mühlsteinerne Regulierung fähig ist, der Stromhunger, der neue Kraftwerke (selbstverständlich auch nukleare) erfordert, die nach Afrika ausgelagerte Contentmoderation, die Vernichtung der von Anthropic ganz regulär angekauften Antiquariatsbücher, die Asymmetrie zwischen Mensch und KI, die Unterwanderung "demokratischer Kontroll- und Legitimationsprozesse", die unliebsame oligopolistische Machtkonzentration aufgrund von technischer Überlegenheit usw.

Man holte für solche Empörungsrhetorik Prof. Dr. Annette Zimmermann, zunächst "University of Bayreuth"; ansonsten aber leistet sich diese Professorin für Philosophie die University of Wisconsin-Madison für Kritik am eigenen 'way of life'. Schon die Forderung ".Democratizing AI" gibt Anlaß zur Verwunderung. Dabei ist die Antwort darauf ganz einfach: den Europäern ist es selbstverständlich unbenommen, ihre eigene KI, sofern vorhanden, nach Gusto zu demokratisieren, purgieren, rationieren, exportieren, was auch immer, das muß und wird den Rest der Welt aber nicht interessieren.

Fortwährend wird die Beweislast umgekehrt, etwa in der Klage: "KI-Marktkonzentration untergräbt digitale Souveränität und umgeht demokratische Kontroll- und Legitimationsprozesse". Digitale Souveränität wird nicht untergraben, entsteht auch nicht per Dekret oder aus der Luft gegriffene Behauptung, sondern müßte zuerst einmal errungen, erworben werden und zwar durch Leistung, die souverän einem Wettbewerber gleichkommt. Und selbstverständlich hat eine Technik als Technik zunächst einmal gar nichts mit nachgelagerten "Kontroll- und Legitimationsprozessen" zu tun.

"Nur weil Kl aktuell immer und für uns alle zum Greifen nah ist, heisst das nicht, das wir — als Bürgerinnen und Bürger —Kl auch wirklich in der Hand haben." Selbstverständlich nicht, aber das kann auch niemand ernsthaft behaupten oder erwarten..Dies wäre übergriffig, um das Mindeste zu sagen, würde unterstellen, ein KI-Unternehmen sei ein VEB (Volkseigener Betrieb in der DDR). Und wir bekommen KI nicht als Bürger, sondern als Nutzer, wobei es ohnehin ein Wunder an Demokratisierung ist, daß die Unternehmen die KI "immer und für uns alle zum Greifen nah" bereitstellen.

Der kalifornischen Kreativität und Disruptivität wird allen Ernstes entgegengehalten: 'in der EU kann man nicht alles machen - und das ist auch gut so'. Darauf wird man sagen: na dann halt nicht. Daß die KI eine neue Kulturtechnik ist, wie das Feuer, das Rad, die Metallurgie, die Schrift, und jeder, der sie nicht aktiv beherrscht, per se unterlegen ist, spielt hier also keine Rolle. Wer in diesem 'Kampf der Kulturen' die Oberhand erhalten und behalten wird, ist freilich unzweifelhaft.

Wirklich weiterführende Fragen wurden auf diesem Mediengipfel nicht gestellt. Statt dessen wurden für eine Diskussionsrunde "Gästinnen" begrüßt, und V. Niehaus kaprizierte sich darauf, heutiges feministisches Quotendenken, das offenbar als unbefragter Maßstab verstanden wurde, ahistorisch auf die Anfänge der Medientage vor 40 Jahren zu projizieren und 'Mangel an Vielfalt' zu diagnostizieren. Daß andererseits in der heutigen, zumal öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft die Einseitigkeit derart ausgeprägt ist, daß sich bekanntermaßen viele Bürger davon abwenden, hat erst gerade wieder Oliver Pocher in die Debatte geworfen.

Der Verlust der Diskurshoheit der Meinungsmacher spätestens durch die 'Sozialen Medien' wirft dann Fragen auf wie: "Kann Journalismus die Demokratie retten?", was nichts anderes heißt als: wie können wir dem Publikum die politische Welt und die Entscheidungen der Obrigkeit zustimmungheischend erklären - während die Bürger die nachteiligen Folgen dieser Politik doch täglich am eigenen Leibe verspüren und daran ihre Meinung bilden. Oder man fragt nach "Chancen von Digital Public Spaces", die nichts anderes als öffentlich-rechtlich kuratierten Journalismus meinen. Oder noch plakativer: "Journalismus statt Silicon Valley", eine These, die ungefähr so plausibel ist wie die Behauptung: nachts ist es kälter als draußen.

Der Titel des "AI Summit" lautete: "Wem gehört die KI?". Das ist furchtbar einfach zu beantworten: dem, der sie baut und betreibt (und gewaltige Summen darein investiert, vor denen Europäern schwindlig wird). Jetzt werden hierzulande ein ebenso gewaltiger Rückstand und eine vulnerable Abhängigkeit beklagt und ein "Ausstieg aus dieser Abhängigkeit" gefordert. Dazu wäre vor einigen Jahrzehnten schon ein anderes Menschen- und Weltbild nötig gewesen, etwa wie es Mitte der 80er Jahre von Dennett/Hofstadter im Kompendium "Einsicht ins Ich" formuliert wurde: die Überzeugung von der (Re-)Konstruierbarkeit des Menschen mit empirischen Mitteln, zumal der Technik.

Es war in Europa etwas später auch nicht verboten, Google zu gründen, oder aus dem deutschen, damals noch starken Versandhandel Amazon zu formen. Die europäische Impertinenz, aus den eigenen Versäumnissen die Berechtigung zu Nörgelei und Klage abzuleiten, und denen, die die zivilisatorische Chance und Aufgabe begriffen haben, Vorschriften machen zu wollen, sollte inzwischen mehr Erstaunen hervorrufen.

Bessere Diagnosen

Zwei kluge Köpfe, die sich über diese mittlerweile wohlbekannten Frontlinien hinwegsetzten, durften wir auch erleben. B. Pörksen, Medienwissenschaftler an der Uni Tübingen, sprach in seinem brillanten Vortrag zu Recht - anders als ein nunmehr abgetaner Kanzler -, bei der KI-Emergenz von einer "Zeitenwende". Was er Paradoxa nannte, könnte man ebenso gut unvermeidliche Ambivalenzen nennen. Mit der technisch bedingten Öffnung des Kommunikationsraumes geht die Entwertung der dort geäußerten Meinungen und ihre Aggregierung durch imperial agierende Konglomerate einher. Techno- oder Neofeudalismus etabliert sich.

Während die bisherigen Gatekeeper obsolet werden, entstehen neue in den Algorithmen, Verhaltenskodizes und Moralvorgaben der großen Plattformen. Die ökonomische Bedrängnis der meisten westlichen Staaten belastet und vergiftet die Diskursatmosphäre in den einschlägigen Medien, während und weil gleichzeitig Hypersensibilitäten bei fortwährend neu erfundenen Minderheiten gezüchtet werden. Pörksen erinnerte hier an die "große Gereiztheit", die Th. Mann in seinem "Zauberberg" als Zeitdiagnose vor dem 1. Weltkrieg beschrieben hat.

Godehard Brüntrup, Professor an der Münchner Hochschule für Philosophie und zugleich an der Universität von St. Louis, beleuchtete die aktuelle Entwicklung vom Standpunkt der Verantwortung aus, wie er auch in der KI-Enzyklika des Papstes eine Rolle spielt (deren deutsche Übersetzung Brüntrup kommentierte). Dies erklärt den ungewöhnlichen Titel seines Vortrags "Das Schwert frisst bald hier, bald dort", ein früher Fall von Heuchelei und Verantwortungsdiffusion bei König David, 2Sam11-12. Natürlich wird die Mediatisierung und die zunehmende Komplexität von Institutionen, zumal Bürokratien, zu mehr Verdunstung von Verantwortung führen: "Ungerechtigkeit wird lautlos".

Dazu braucht es zwar keine KI, doch KI wird diese Tendenz begünstigen und Gewinner und Verlierer produzieren. Dabei ist aber die ontologische Frage, ob und wann eine KI als verantwortungsfähige Entität gelten kann, noch nicht beantwortet, und es zeugt von Brüntrups Offenheit auch als Theologe, daß er sie für eine empirische Frage hält. D.h. nicht wir bestimmen a priori, ob ein System verantwortungsfähig sein kann, sondern das System wird eines Tages Eigenschaften aufweisen, denen Verantwortlichkeit zuzuschreiben wir möglicherweise gute Gründe haben werden. Der Gedanke, daß auch nichtbiologische Systeme über Deliberationsfähigkeit verfügen können, sollte allmählich Teil unserer Deliberationspraxis werden.

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