Dienstag, 29.11.2022 19:12 Uhr

Simulation der Welt mit Digitalen Zwillingen

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 29.04.2022, 16:57 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Gerhard Bachleitner Bericht 4965x gelesen
Auch für den Weltraum braucht man einen digitalen Zwilling, zur Asteroidenabwehr (Vortrag Dr. G. Drolshagen, Oldenburg)
Auch für den Weltraum braucht man einen digitalen Zwilling, zur Asteroidenabwehr (Vortrag Dr. G. Drolshagen, Oldenburg)  Bild: Referent

München [ENA] Wofür und wo man digitale Zwillinge braucht, wird sich mancher fragen; reicht denn KI nicht, oder soll das ein Avatar sein? Nein, das ist er nur manchmal. Wichtiger wird sein, wie man "Digitale Zwillinge im Spannungsfeld zwischen Technologie und Gesellschaft" positioniert oder implementiert.

So hatte der Münchner Kreis eine spannende Hybridkonferenz Ende April überschrieben, zweckmäßigerweise in Garching angesiedelt und in vier Handlungsfelder unterteilt: Mobilität, Ökologie, Weltraum und Mensch. Das Thema Mobilität war in Garching insofern ideal plaziert, als dort auf der A 9 die Teststrecke des Projektes Providentia eingerichtet ist, zu dem Alois Knoll, Professor an der TU München, viele Einzelheiten vorstellte.

Der Name Providentia ist Programm und führt gleich mitten in eine mögliche Kontroverse. Es heißt nicht nur "Vorsehung", sondern auch Vorsorge oder anglisiert, als provider, Versorger. Man denkt außerdem an den Kulturunterschied zwischen Europa und USA, der in der EU mit einem programmatisch-normativ verstandenen Vorsorgeprinzip bei technischen Innovationen immer als Hemmschuh wirksam wird.

Der digitale Zwilling als Überwachungsinstrument

Jedenfalls schwebt Knoll ein möglichst allwissender digitaler Zwilling des Verkehrssystems vor, ausgehend von den Autobahnen, und er plädiert auch für die Hinzunahme der dritten Dimension, also des Luftraumes. Er stellt in Abrede, die Automobilhersteller "könnten das autonome Fahren ohne zusätzliche Perspektive schaffen.“ Die „Autoindustrie kann nicht weiter auf der Ego-Perspektive beharren“ (mit dem weltanschaulich konnotierten Subtext, daß Individualität tendenziell als Egoismus zu werten sei). Auch wenn man dies aus heutiger technischer Perspektive vielleicht noch begründen kann, steckt doch unverkennbar die deutsche Manie einer universellen und fürsorglich gedachten Infrastruktur dahinter.

Deren Trägerschaft fiele nach den Querelen um die LKW-Maut vor Jahren gewiß nicht mehr privatwirtschaftlich, sondern relativ staatsnah aus, zumal der Luftraum hierzulande ein striktes Hoheitsgebiet ist. Das Ergebnis wäre eine Infrastruktur buchstäblich und institutionell "von oben", die im Wesentlichen zwischen den Verkehrsteilnehmern vermitteln soll. Genau dies aber könnten sie untereinander auch jetzt schon (Car-to-X-Vernetzung). Die etwas großräumigere Lage, etwa Staus in 10 km Entfernung, wird ihnen per Google-Maps eingespielt.

Wie umfassend Google mittlerweile nicht nur die mediale Welt - als Text, Bild, Audio, Video -, sondern auch die reale Welt digitalisiert hat und für verschiedenste Nutzungen bereitstellen und insofern separate Infrastrukturen erübrigen kann, führte in einem anderen Vortrag Ricardo Muñoz Núñez aus. Jemand, der ökonomisch rechnen kann wie E. Musk von Tesla machte im vorigen Jahre zudem klar, daß die bisher angestrebte dezentrale Steuerung von E-Autos nicht nur die Methode der Wahl ist, sondern sogar noch abgespeckt werden kann. Bei der Sensorausstattung seiner autonomen Autos ließ er die Lidar-Kameras weg, weil sie zu teuer und unnötig waren.

Man erkennt die Frontlinien: zentralistische vs. dezentrale Architektur, Kollektivismus vs. Individualität, Extra-Hardware für 1 Mrd. Euro (für Autobahnen) vs. Adaptierung des vorhandenen Kommunikationsnetzes für Verkehrszwecke. Google oder die Netzwerke der Autombilhersteller, in denen die Daten ihrer jeweiligen Fahrzeuge gesammelt werden, könnten beliebige Rechenkraft zur Verkehrsoptimierung hinterlegen und so das gleiche Ziel erreichen. Eine hundertprozentige Erfassung aller Verkehrsteilnehmer an allen Orten und zu allen Zeiten ist zur Abbildung und Kommunikation von Verkehrsströmen gar nicht notwendig. Stichproben reichen fast immer aus.

Amerikaner wollen stets Aufwand und Kosten drücken, um rasch den Massenmarkt zu erreichen, Deutsche haben in der Regel die teure Maximallösung und endgültige Sicherheit im Sinn. Daß man eine "digitale Autobahn" bauen kann, steht außer Frage, doch daß ein „fahrzeugübergreifendes System“ in dieser Architektur notwendig und gesamtwirtschaftlich effektiv wäre, müßte erst bewiesen werden. Daß der Verkehr ein selbststeuerndes System ist und sein sollte, bliebe ein weiteres Mal unrealisiert, nachdem auch die bisherige, statische und pauschalierende, also grundsätzlich dumme Regelung diesen Fortschritt erfolgreich verhindert hat.

Der digitale Zwilling als Herrschaftsinstrument

In welche Unfreiheit die Digitalisierung den Weg ebnet, konnte man schon bei der Präsentation von Markus Mohl von den Stadtwerken München absehen, der das Attribut "klimaneutrale Stadt" wie eine Monstranz vor sich her trug. Selbstverständlich wird dort der digitale Zwilling nicht etwa zur Flexibilisierung, Optimierung und Verflüssigung des Verkehrs, sondern im Gegenteil zur Aufrechterhaltung, Ausdehnung und Forcierung der in den letzten 35 Jahren bereits implementierten Verkehrsbehinderungsmaßnahmen eingesetzt. So beeilte sich Mohl, zu versichern, daß das 3D-Abbild der Stadt auch alle regulatorische Attribute, also Verkehrseinschränkungen, und Verkehrsmengenangaben enthalte.

Die damit möglichen Analysen und Simulationen können selbstredend mühelos zur weiteren Strangulation des Verkehrs benutzt werden, d.h. man wird zu verkehrsschwachen Zeiten die Ampelsteuerung noch restriktiver als im Berufsverkehr machen, wie dies ja jetzt schon geschieht. Man wird leichter und schneller behindernde "Trambahnbeschleunigungen" und überflüssige Busspuren und Radwege planen und einrichten können.

Ein Kenner Münchens kann über das von Mohl ebenfalls verwendete Attribut "Zukunftsstadt" nur lachen. Nichts liegt hier ferner als Zukunft, da man doch jedes Hochhaus über 100 m bekämpft, insgeheim ins 19. Jahrhundert und seinen Pferdekutschen zurückwill, cum ira et studio, also mit Bosheit und Eifer, den schlechtestmöglichen Straßenbelag, Kopfsteinpflaster verlegt und entrüstet über die im vergangenen Herbst erstmals abgehaltene IAA hergezogen ist, weil sie gewagt hat, unter dem Zuspruch des Publikums fortschrittliche Automobiltechnik zu zeigen.

Die angebliche IT-Fortschrittlichkeit der Stadt in den Vordergrund zu stellen, ging an der Realität ebenso vorbei. Gerade eben hat der IT-Referent vor Ablauf seiner Dienstzeit hingeworfen und die Zukunftsstadt, in der er keine Zukunft mehr sah, verlassen, denn das politische Umfeld war "einseitig, wenig pragmatisch und stark ideologisch". Die ebenfalls gelobte "Bürgerbeteiligung" sieht dann so aus, daß man eines der neuesten Infrastrukturzerstörungsprojekte, die Deformation der Sonnenstraße, der Hauptachse der Innenstadt, zu einem "Boulevard" mit digitalen Mitteln visuell simuliert - aber ohne Verkehr.

Hauptergebnis und Hauptzweck der ganzen Aktion, die Verdichtung und Verstetigung des Staus und die Verlängerung von Fahrstrecken beim Versuch seiner Umgehung, werden gerade nicht gezeigt. Ebenso ging man bei der Boschetsriederstr. vor. Man muß am Ende ernsthaft die Frage stellen: welches Ziel kann eine konstruktive Technik in einem obstruktiven Umfeld verfolgen? *

Offensichtlich stellt der digitale Zwilling hier in erster Linie ein willkommenes Überwachungs- und Steuerungsinstrument dar, mit dem beliebig freiheitsfeindliche Ziele durchgesetzt werden können, die sich selbstverständlich und euphemistisch stets als "Optimierung" maskieren. Digitale Zwillinge von Strukturen implizieren offenbar fast immer eine normative Komponente oder Zielrichtung. Man will erwünschtes Verhalten ermitteln, sicherstellen oder Abweichungen reparieren/sanktionieren.

Digitale Klone und ihr Eigenleben

Einen eher amüsanten Aspekt steuerte Stefan Holtel, Kurator für digitalen Wandel bei PricewaterhouseCoopers, mit seinem Bericht über ABBAs digitale Zwillinge, die ABBAtars bei. Das schwedische Gesangsquartett sah sich nach 40 Jahren als nicht mehr bühnentauglich und delegierte die Fortsetzung der Karriere, man könnte auch sagen: die künftige Verwertung der etablierten Marke, an digitale Avatare. Wieder einmal wurde der Traum von ewiger Jugend und Unsterblichkeit ins Werk gesetzt, wie auch schon in Hollywood Schauspieler für ihre künftige Verwendung in den oft über viele Jahre hinweg serialisierten Filmen vorbeugend digitalisiert werden.

Kulturhistorisch betrachtet ist das nur eine weitere Stufe der Medialisierung, die mit der Erfindung der Schrift vor 5000 Jahren begann. Seitdem konnten Menschen ihr Denken fortleben lassen, Portraits überlieferten ihr Aussehen, seit dem Mittelalter wird Musik aufgezeichnet, seit etwa 140 Jahren Schall und Bewegtbild. Weil die Popmusik interpretenfixiert ist, hat dort die Konservierung der Musik als solcher nicht ausgereicht, und so kann man jetzt Habitus und Atmosphäre der 70er Jahre "authentisch" zelebrieren. Wer's braucht - kann man da achselzuckend sagen. Es ist Eskapismus auf der Höhe der Zeit, nicht viel anders als früher Retro-Parties.

Ähnlich möchte man das einstufen, was James Vlahos mit seiner Firma Here-after-AI anbietet, kann aber existenzielle Fragen nicht ganz verdrängen. Zunächst geht es tatsächlich um die Aktualisierung von Lebenserinnerungen mit Hilfe eines Avatars. Vlahos hat hier eine persönliche Erfahrung, den Tod seines Vaters, zum Geschäft gemacht und einen Dadbot kreiert (der dann eben auch ein Deadbot ist). Das Verfahren ist bekannt und erweiterbar: Erfassung medialer Daten als Text, Ton, Bild und Verarbeitung durch KI, um sie für die Hinterbliebenen dialogfähig zu machen.

Einem solchen Doppelgänger/Wiedergänger sollte man nicht gleich seine Künstlichkeit vorhalten, nachdem wir in den vergangenen zwei Jahren viele unserer Bekannten auch nur über den Bildschirm sehen konnten. Es ist Gedächtnis und Gedenken auf der Höhe der Zeit. Früher führte man Dialoge mit dem Verstorbenen imaginär, nun konkretisiert sich der Himmel, in der man ihn vermutet, als digitale Wolke, cloud.

In der Literatur kennt man ähnlich magische Verhältnisse schon länger, allerdings mit Figuren, deren Intelligenz dann doch diejenige heutiger KI signifikant übersteigt. So widerfährt E.Th.A. Hoffmann eine Begegnung mit dem Ritter Gluck (in der gleichnamigen Erzählung), der von leeren Notenblättern seine Oper Armida zu spielen versteht, doch wie steht es um ihn, im Berlin von 1809? "Öde ist's um mich her, denn kein verwandter Geist tritt auf mich zu". Wenn ein Avatar dereinst so etwas über die Lippen bringt, wird man von künstlicher Intelligenz reden können - und gleichwohl keine Abhilfe haben.

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