Dienstag, 29.11.2022 18:41 Uhr

Münchner Kreis: KI-Technologien und Medienunternehmen

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 17.07.2022, 22:29 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Gerhard Bachleitner Bericht 5407x gelesen
Elimination von Bewegungsunschärfe (Referat Schmidt).
Elimination von Bewegungsunschärfe (Referat Schmidt).  Bild: Referent

München [ENA] Für öffentlichkeitswirksame Medien schien bisher der Einsatz von KI noch keine Rolle zu spielen, und doch war es kein Zufall, daß der Münchner Kreis gerade im BR-Funkhaus im Juli 2022 das Thema „KI-Technologien und Medienunternehmen“ zum Gegenstand einer Konferenz machte.

Im Hause beschäftigt man sich durchaus mit dem Thema, wie Thomas Hinrichs, Programmdirektor Information, und Ulrike Köppen, Leiterin des AI + Automation Labs, referierten. Bereits seit 2020 gibt es dort auch Richtlinien für den KI-Einsatz, der bisher allerdings recht unauffällig verläuft. Noch gibt es keinen Avatar als Fernsehmoderator und keine synthetische Stimme beim Verlesen von Verkehrsmeldungen. Allerdings wird beim Nachrichtenversand auf dem Ausspielweg Internet bereits Regionalisierung angeboten, und bei der Nachrichtenerstellung werden aus einer 'single-source' automatisch die Formate der jeweiligen Ausspielwege, Mediengattungen oder Distributionsformen generiert.

Ein "Summarizer" komprimiert beispielsweise Nachrichten für den Videotext. Die Personalisierung der Distribution versteht sich als "Data Driven Publishing". Das alles ist aber noch keine starke KI, sondern nur Rationalisierung betriebsinterner Informationsverarbeitung. Selbst das hehre, auch in den besagten Richtlinien verankerte Ziel, Mehrwert für die Nutzer zu generieren, enthüllt in der Anwendung durchaus profane Motive.

Öffentlich-rechtliche Mehrwerte

Mit "Mehrwert für den Kunden" wird bekanntlich jede Aktion zum Zwecke der "Kundenbindung" verstanden, die der Kundenfreiheit stets diametral entgegensteht, und bekanntermaßen rechtfertigen sich auch die Myriaden von Cookies im Internet genau mit diesem Motiv. An der "personalisierten Werbung" läßt sich schon länger ablesen, wer den Mehrwert der Personalisierung einstreicht. Im Falle der öffentlich-rechtlichen Medien sollen die Inhalte auch durch Empfehlungsalgorithmen attraktiver werden.

Das gilt allerdings keineswegs allgemein. Erfahrungsgemäß werden die Webseiten der Rundfunkhäuser dadurch nur unnavigierbar, und daß die Unterstellung, der Besucher wüßte nicht, was er sucht, nicht sehr aufgeklärt-menschenfreundlich ist, kommt offenbar gar nicht zu Bewußtsein. Auch der Anspruch, durch "Verantwortliche Personalisierung" Filterblasen vermeiden zu wollen, scheint nicht eben realistisch zu sein. Der Informatiker Prof. Dr. Albrecht Schmidt, LMU München, vertrat in seinem umfassenden Referat im Gegenteil die These, daß Personalisierung die Entstehung von Filterblasen fördere.

Sein Forschungs- und Marktüberblick zeigte erst das enorme Potenzial echter KI, das aber erwartungsgemäß nicht hierzulande entwickelt wird. Bei der Erstellung der Neuronalen Netze und dem Training der Algorithmen sei Deutschland und Europa bereits abgehängt. Uns bliebe nur noch die Anwendung dessen, was anderswo aufgrund innovativer Energie - und preisgünstiger elektrischer Energie für den Betrieb der Hochleistungsrechner sowie Marketing-Energie zur Monetarisierung im Markt - auf die Beine gestellt werde.

Bezeichnend für die administrativen Hindernisse, die hierzulande der technischen Evolution in den Weg gelegt werden, war der Einwand eines ARD-Mitarbeiters auf die Feststellung, daß in der ARD für die Erstellung eigener KI-Instanzen nicht genügend Rechenleistung zur Verfügung stehe. Nein, vielmehr stünden schon die Rechte für die Verwendung von Videos als Trainingsdaten nicht zur Verfügung. In diesem Falle ging es um automatische Zusammenfassungen von Fußballspielaufzeichnungen, d.h. automatische Erkennung von Torszenen, Torschützen, Spieldynamiken etc.

Wo die Musik spielt

Dies führt zu jener, heute beklagten, aber über Jahre hinweg durch eigene Untätigkeit aufgebaute Asymmetrie in der digitalen Kompetenz, welche sich durch anscheinend unerforschliche Zufälle in Kalifornien konzentriert hat, während man hierzulande außer Ethikrichtlinien bis heute nicht viel zu bieten hat. Um das Bonmot eines einschlägigen Autors, die Zukunft sei bereits da, nur ungleich verteilt, abzuwandeln, kann man feststellen, daß der 'Content' (als Trainingsdaten für die KI) bereits da ist, nur eben ungleich verteilt.

Google trainiert Bilderkennung mit dem universalen Bestand von Youtube, Spracherkennung und Übersetzung mit dem seit vielen Jahren digitalisierten Bibliotheksbestand, Amazon kennt per Alexa die gesprochene Alltagssprache und kann bereits Sprachsynthese von Stimmen anbieten, für die nur wenig Trainingsmaterial nötig ist. So kann etwa die möglicherweise bereits verstorbene Großmutter dem Kind posthum und virtuell Märchen vorlesen. Dialoge in Whatsapp sind offensichtliches Trainingsmaterial für Chatbots und natürlich auch den Turing-Test.

Schmidt führte die Fülle des technisch Möglichen mit vielen Beispielen vor, die offenbar das Spektrum seiner Lehrstuhlbezeichnung reflektieren: Human-Centered Ubiquitous Media. Die "Menschenzentrierung" darf man sich wohl als Anwendungszweck vorstellen, während man bei anderer Akzentuierung von maschinellen kognitiven Leistungen sprechen würde. Dazu gehört beispielsweise auch schon das Abfassen einfacher Aufsätze für das Universitätsstudium und die Komposition von Popmusik-Nummern, weiters elaborierte Bildretusche, Verbesserung von Kamerafunktionen und das Hochskalieren geringauflösender Videos, wie es beispielsweise Samsung in seinen 8k-Fernsehern einsetzt.

Die KI erobert unübersehbar bisher als kreativ geltende Tätigkeitsfelder des Menschen, auch wenn sie an substanziellen Aufgaben nach wie vor spektakulär scheitert. Sie stellt die Frage nach dem geistigen Eigentum und überhaupt nach dem Geltungsbereich rechtlicher Festlegungen neu. Wenn "Kreative" glauben, sie könnten ihre Hervorbringungen auch im digitalen Zeitalter traditionell schützen, etwa durch Wasserzeichen oder NFTs, steht dem die Fähigkeit der KI entgegen, urheberrechtsfreie Werke zu schaffen.

Genau dies ist übrigens einer der Vorteile, den der Bildgenerator Dall-E2 (von Openai) oder Imagen von Google für seine Nutzung ins Feld führt. Brauchen Sie einen Panda auf dem Fahrrad oder das Krümelmonster gitarrespielend in Woodstock - kein Problem, das wird fotorealistisch gerechnet. * * * * *

Die KI als Blick in den Spiegel

KI könnte auch die Gesellschaft neu rechnen, will sagen die Gesellschaft zu einem idealisierten Zustand extrapolieren. Weil ein solches Ideal aber nicht allgemeinverbindlich formuliert werden kann, steckt man bisher in einer undeutlichen Ambivalenz fest: das Ideal als Richtwert zu setzen, würde die KI im belanglosen Niemandsland ansiedeln, also wird die realexistierende menschliche Dummheit/Selbsttäuschung durch künstliche Intelligenz fortgesetzt. Dies bringt man als Kritik vor, ignoriert aber den Umstand, daß KI ja gegenwärtigen, herrschenden Interessen dient. Faktische und statistische Ungleichheit in der Gesellschaft zu ignorieren und zu negieren ist so unfruchtbar, wie es zynisch ist, sie unbefragt zu perpetuieren.

In der Tat steht dahinter, wie Schmidt resümierte, die Frage, in welcher - von KI mitgestalteter - Welt wir künftig leben wollen. Die Antwort darauf gibt selbstverständlich nicht KI, aber offensichtlich auch nicht der in Europa so gerne beschworene "demokratische Diskurs", denn die technische Innovation und instrumentellen Ressourcen sind eben anderswo lokalisiert, weitab vom 'demokratischen Diskurs'. KI ist kein braves Hündchen, das man spazierengehend an der Leine führen kann, sondern die entfesselte Phantasie des Menschen, auch sein verdrängtes Unbewußtes und seine Nachtmahre.

Davon haben wir bisher zwar wenig zu sehen bekommen, weil sich die KI-Lernmodelle an der Reproduktion des Bekannten orientieren, wie auch Dr. Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der hiesigen TU, darlegte. Das Blackbox-Problem haben wir allerdings heute schon, die Uneinsehbarkeit bestimmter algorithmischer Entscheidungen. Genau besehen ist sie allerdings nichts Neues, sondern nur ein weiterer Schritt zur Humanisation der KI, denn auch der (andere) Mensch ist in seinen Entscheidungen nur begrenzt einsehbar, und nicht selten ist er auch sich selbst nicht transparent.

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