Mittwoch, 22.09.2021 01:08 Uhr

Medientrends 2021 und CES

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 19.01.2021, 14:37 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Gerhard Bachleitner Bericht 6666x gelesen
Edles Ambiente für einen Samsung-Fernseher. Naturnachahmung als Technik- und Lebensziel.
Edles Ambiente für einen Samsung-Fernseher. Naturnachahmung als Technik- und Lebensziel.  Bild: Hersteller

München [ENA] Zu Beginn eines noch kaum absehbaren neuen Jahres möchte man gerne eine Vorstellung haben, was es bringen könnte oder sollte.Für die Medienwelt hat die Bayer.Landeszentrale für Neue Medien Medientrends 2021 ermittelt, teils Extrapolationen, teils Agenda des vermuteten gesellschaftlichen Fortschritts

Und oft genug findet man gut bekannten Wein in neuen Schläuchen. Zielgruppenfokussierung bei Bewegtbild - seit Jahrzehnten selbstverständlich - heißt jetzt "Niche Video". Flexiblerer Medienkonsum - seit dem Siegeszug der Mobilgeräte, ebenfalls seit Jahrzehnten im Gange - heißt jetzt "New Media Habits". Deformation von Sachinformation durch persuasive Kommunikationsstrategien - wird jetzt als "Verbindung von Content, Commerce und Fandom" verhandelt und "Humanized Media Brands" zugeordnet. Auch das kommerzielle Fernsehen ist Mitte der 80er Jahre in Deutschland angetreten, dem Zuschauer näher zu kommen und seine trivialen menschlichen Bedürfnisse, ggf. zu mitternächtlicher Stunde, zu befriedigen.

Heute meint man unter Humanisierung vermutlich Personalisierung und gnadenlosen Einsatz von Empfehlungsalgorithmen, die den Mediennutzer auf Schritt und Tritt verfolgen, gerade auch in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken, und das klassische, neutrale Ordnungssystem des Alphabets weitgehend verdrängt haben. Man findet nichts mehr - und damit erlebt die üppig sprießende Podcast-Welt für den zielbewußten Nutzer auch gleich ihren Exitus. Wenn von "Recommendation Wars" gesprochen wird, ist zwar eher der Kampf der Inhalteanbieter um die besten, d.h. umsatzfördernden Algorithmen gemeint, doch der Nutzer versteht darunter im Wesentlichen ihre Kriegserklärung an ihn als vernunftgeleitetes und informationell orientiertes Wesen.

Fortschritt oder Archäologie

Daß man in Sozialen Netzwerken "Social Media Storytelling" betreiben muß, weiß man inzwischen ganz gut. Neu verpackt wurde auch die leicht erklärliche Beobachtung, daß in der Zeit der Corona-Krise das lineare Fernsehen einen Nutzungszuwachs erfahren hat. Nun wird es als "Live-Stream" deklariert und unter "We-deo" paraphrasiert, denn "Verbindende Formate sind in unserer Zeit besonders gefragt". Es wird sogar ein "neues Reality-TV" diagnostiziert, ausgehend von der Tatsache, daß Live-Fernsehen unvermeidlich Realität abbildet. So ist man nach dem Durchlaufen der medialen Evolution wieder am Anfangspunkt angelangt, als Fernsehen immer live war, weil es keine Aufzeichnungsmöglichkeiten gab.

Wunderlich nimmt sich auch der Trend zu "Voice-Interaction" aus, nämlich die über einen Sprachassistenten gesteuerte Mediennutzung. Die Statistik meldet als Spitzenreiter der Nutzungstypen mit 53 %: "Aktuelle Nachrichten vorlesen". Dafür hat man aber doch schon vor Jahren die Distributionsform Podcast erfunden und auch recht aggressiv beworben. Damals wußte nur das jeweilige Medienhaus, was man wann bezogen hat. Schaltet man aber einen "intelligenten Lautsprecher" davor, wissen nun auch Amazon, Google & Co., was man wann gehört hat.

Den Trend "Newsletter statt Newspaper" kann man auch einfach als Aspekt des bekannten Zeitungssterbens verstehen. Die bisher als Universalnachrichtendienst verstandene Zeitung filetiert sich selbst, doch ob für die Nutzung der einzelnen Segmente, die weiterhin kostenpflichtig sein müßten, eine kostendeckende Monetarisierung möglich ist, darf bezweifelt werden. Zu befürchten ist auch, daß Rundbriefe, weil sie digital doch keinen Raum einnehmen, gerne einmal ungelesen liegen bleiben, während die Papierzeitung durch ihre bloße Raumverdrängung auch einen Lesedrang erzeugt. Ehe man sich's versieht, quillt der Posteingangsordner von 2000 Rundbriefmitteilungen über, und man kann gleich das archäologische Besteck in die Hand nehmen.

Privatradio nochmals anders

Eine ähnliche Filetierung findet auch bei Audio statt. Redaktionell konstituiertes Radio wird in Podcasts zerlegt, auf verschiedenen Wegen unter die Leute gebracht, doch weil die fortwährende Auswahl, Beschaffung und Rezeption den Nutzer Aufwand kostet, finden sich findige Aggregatoren, welche die Podcasts nach Nutzerprofil bündeln und ein "Podcast-Radio" kuratieren. So ist man wieder da, wo man angefangen hat, nur daß jetzt noch Intermediäre dazwischengehen und die Daten abgreifen.

Audio gerät neuerdings auch in den Social-Media-Fleischwolf und figuriert als "Social Audio". Prototypisch hierfür stehen die Plattformen Clubhouse und Cappuccino. Daß der derzeitige "Hype" darum auch einer elitären Positionierung im Markt geschuldet ist - Clubhouse ist nur auf Einladung und nur mit i-OS zugänglich - kann man erst einmal ignorieren. Diskutieren kann und muß man aber das soziale Interaktionsmodell, das dahintersteht. So wie bisher der Nutzer bei Instagram, Snapchat und Tiktok sein soziales Profil in Bildern und Videos kenntlich machen und für die Datensammler abgreifbar machen sollte, wird dies jetzt von Audio erwartet.

Man wird also zu einer "daily personal audio show featuring your friends" genötigt. Zur täglichen Personality-Show auf Facebook und Video-Show auf Snapchat nun also noch die Audio-Show auf Cappuccino. Bei Clubhouse ist an eine immerwährende Party gedacht, deren Gespräche nun eben zufällig auf einer digitalen Plattform stattfinden und notabene zwecks Mißbrauchsprävention aufgezeichnet werden. Zwar lassen sich selbstverständlich thematisch fokussierte Diskussionsrunden einrichten, doch das konnte man ja bisher auch schon und nannte das "Telefonkonferenzen". Das ungeplante Partygespräch wurde vor etlichen Jahren einmal mit dem Dienst Chat-Roulette zur Infrastruktur gemacht - offenbar ohne nachhaltigen Erfolg.

Die beschworene "Furcht, etwas zu verpassen", wenn man jetzt noch nicht dabei sein kann, ist offensichtlich völlig unbegründet. Man sollte sich auch fragen, ob man tatsächlich den unbezähmbaren Drang verspürt, sich mit dem Megafon auf den Marktplatz zu stellen und Meinungen zu verkünden - denn dies ist die mit "Social Audio" praktizierte Öffentlichkeit. *

CES 2021

Eine ganz andere Art von Medientrends präsentierte gerade eben etliche tausend Kilometer entfernt die Consumer Electronics Show, die heuer allerdings aus den bekannten Gründen nicht in der Illusionsstadt Las Vegas, sondern "bloß" virtuell, im Netz stattfand. So ist sie uns unvermutet näher gerückt und erlaubte zumindest einen kleinen Blick auf Neuheiten. Ins Auge fallen natürlich anlaßbedingte Schnellschüsse, Masken mit eingebauter Kommunikationselektronik, Lampen, auch autonom fahrende, mit keimtötenden UV-Licht, Videokonferenzzubehör als Hard- und Software, mobile oder stationäre Luftreiniger usw.

Ansonsten ging das normale Geschäft des Größer, Schneller, Intelligenter weiter, zumal in Südkorea, wo zwei der Hauptprotagonisten des elektronischen Fortschritts, Samsung und LG, beheimatet sind, die pandemiebedingten Einschränkungen kaum noch spürbar sind. Samsung präsentierte "The first look 2021" und versprach, ein "für viele Menschen zugängliches modernes TV-Erlebnis" bereit zu stellen. Oder neudeutsch „Screens Everywhere, Screens for All”.

LED, Neo QLED, QNED, Mini-LED, Micro-LED - fehlt etwas?

Die QLED-Technik wurde zu Neo QLED mit 12 Bit Luminanztiefe weiterentwickelt, wobei Quantum Mini LEDs als Lichtquelle dienen. Diese enorme Differenzierung kommt selbstverständlich der HDR-Darstellung zu Gute. Für die Skalierung zu 4k und 8k werden, wie bisher schon, neuronale Netzwerke zur Szenenerkennung herangezogen. Ebenfalls gut bekannt ist der objektorientierte Ton.

Für die fulminante Micro-LED-Technik verspricht Samsung nun den "Einzug in private Haushalte". Dies bedeutet wohl die Reduktion von 6stelligen auf 5stellige Preise, denn als minimale Größen werden 110" und 99" genannt. Diese Bildwände sind so groß, daß Samsung die Option vorsieht, bis zu vier unabhängige Videoströme gleichzeitig wiederzugeben, "4Vue". Man könnte dies auch das "Shared-Space-Konzept" in der Bildschirmtechnik nennen, das vielleicht dadurch zusätzlich motiviert wird, daß sich vier Leute zusammentun müssen, um sich ein solches Gerät leisten zu können.

Bei LG finden ähnliche Entwicklungen statt, auch wenn dort Micro-LEDs nicht thematisiert wurden. Außer den stets stark vertretenen OLEDs, deren rollbare Version nun auch relevant wird, werden die LCD-Fernseher, deren Pixel QNED genannt werden, wie bei Samsung mit Mini-LEDs beleuchtet. Gamer können sich auf den 8k-Hyperrealismus freuen. Sony schreibt seinem XR-Prozessor eine "kognitive Intelligenz" zu und erklärt die damit erreichbare Bildverbesserung mit der Nachbildung des Betrachterinteresses an bestimmten Objekten, also einem psychovisuellen Phänomen. Das ist so nebulös formuliert, daß man sich davon nicht beeindrucken lassen sollte, ebenso wenig wie von irgendwelchen Quantenpixeln.

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