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Extend your realities! VR auf den Medientagen 2021

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 05.11.2021, 22:24 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Gerhard Bachleitner Bericht 6901x gelesen
Eingang zur XR-Area
Eingang zur XR-Area  Bild: Veranstalter

München [ENA] Das Zukunftsthema XR, eine Summenformel aus VR und AR, wurde vom XR-Hub Bavaria betreut, mit Präsentationen und Diskussionsrunden. Auch einen "Extended-Reality-Bavaria e.V." gibt es mittlerweile. Man sprach nicht mehr von Storytelling, sondern von Storyliving und war mit "Branding Reality" befaßt.

Das gewöhnungs- und lernbedürftig andere Rezeptionsverhalten bei diesem Medium dürfte bislang auch seine stärkere Verbreitung verhindert haben, obwohl seit Jahren der Durchbruch zum Massenmarkt prophezeit wird. Der günstige Einstiegspreis der Oculus-Quest-Brille war hier zwar ein wichtiger Schritt, doch der dahinter stehende Facebook-Konzern, inzwischen "Meta" genannt, könnte gleichzeitig auch ein Hemmnis gewesen sein, zum einen wegen der Koppelung der Brillennutzung an ein Facebook-Konto, zum anderen wegen der inzwischen verlautbarten Unternehmensziele mit dem Medium VR. Immersion in Werbung ist sicherlich das Letzte, was Nutzer wollen.

Tatsächlich wirkt der Markt an VR-Anwendungen noch immer unstrukturiert und unübersichtlich, orientierungslos und planlos. Gezeigt wurde hier u.a. eine klassische Produktvisualisierung, ein Luxusauto in Luxusauflösung, deswegen dann allerdings auch nicht animiert, d.h. fahrfähig. An Meteorologen und Landschaftsplaner richtete sich eine geographische Visualisierung der Niederschlagsintensitäten in Bayern. Die Bildende Kunst war mit einer Animation von H. Boschs Triptychon "Der Garten der Lüste" vertreten, einem technisch und ästhetisch sehr anspruchsvollen Projekt. Man hatte einerseits den Ehrgeiz, der Betrachter durch Animation einiger Bewegungsabläufe ebenfalls zu animieren, sich also in dem verräumlichten Bild zu bewegen.

Andererseits erfordert die Bildinterpretation tiefe theologische und kunsthistorische Kenntnisse, allein schon um die Emblematik der dargestellten sieben Todsünden zu erkennen. Diese Erläuterungen wurden allerdings auf Englisch zugespielt. Ästhetisch völlig ungeklärt ist aber die Frage, welchen Stellenwert die 3-D-Rekonstruktion einer Abbildung hat, deren künstlerischer Zweck gerade die Projektion/Reduktion auf die Fläche ist. Erschwerend kommt hinzu, daß eine solche Projektion selbst im mathematischen Sinne des euklidischen Raumes keineswegs selbstverständlich, sondern erst seit der Entdeckung der Zentralperspektive in der europäischen Neuzeit künstlerische Praxis ist.

Vorher und in anderen Kulturen gibt es diesen projizierbaren Raum gar nicht, so daß man ihn in VR auch nicht rekonstruieren könnte. Der (Darstellungs-)Raum der Malerei ist zunächst ein semantischer, kein mathematischer Raum. Man wird vielleicht einwenden, daß mit VR einfach nur die Fiktion weitergetrieben wird, die ja schon immer die Grundlage der Malerei war. Andererseits gab es in der Bildenden Kunst auch immer schon die Skulptur, wenn man etwas räumlich abbilden wollte.

Rezeptionsästhetisch wird der Unterschied deutlicher. Das spätmittelalterliche Gemälde will und muß "gelesen" werden, die begehbare VR-Version soll erlebt werden. Diese beiden Haltungen sind nicht vereinbar. Ein ähnliches Problem tritt bei der Vermittlung von Musik auf. Man könnte versucht sein, illustrations- (oder immersions-)geeignete Musik, etwa Beethovens Pastoralsymphonie, durch entsprechende Naturvideos "erlebbar" zu machen. Dies aber ist das genaue Gegenteil des Verständnisses, das die Lektüre der Partitur vermittelt. Reflexion ist nur aus der Distanz des Noten- oder Bildtextes möglich, und dabei hilft Immersion selbstverständlich gar nicht.

Selbst wenn ein solches Sujet im Kunstunterricht einer Schule eingesetzt werden sollte, hätte es ein Lehrer oder eine Schule heute noch sehr schwer, allein die logistischen Voraussetzungen dafür bereitzustellen. Ein Anbieter zeigte eine kommerzielle Lösung, einen Rollcontainer als Ladestation und Aufbewahrungsort der Brillen, mit einem Kontrollmonitor im Deckel und der Steuerungssoftware. Dafür wird dann aber ein spürbar 5stelliger Betrag fällig. Von einem koordiniert und nach Plan entwickelten Softwareangebot kann keine Rede sein.

Von den Schulbuchverlagen, die bisher Lernmittel bereitstellen, kommt jedenfalls kaum etwas. Im übrigen hat man den Eindruck, daß Schulen und Lehrer hierzulande erst noch beschäftigt sind, PCs und WLANs und Videokonferenzsoftware bereitzustellen und zu administrieren. Vor dem Zukunftsthema Immersion ist also erst einmal Submersion angesagt. * *

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