Dienstag, 29.11.2022 19:29 Uhr

Disruption mal anders: IFA+ Summit über Entglobalisierung

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 15.09.2022, 19:36 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Gerhard Bachleitner Bericht 3676x gelesen
Die Bühne des IFA+ Summit.
Die Bühne des IFA+ Summit.  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Der "Think Tank" der IFA in Berlin, der IFA+Summit, erhielt heuer einen späten Termin, einen Tag vor Schluß der Messe, wurde aber dankenswerterweise gestreamt. Die prominent besetzte Veranstaltung erfuhr leider zumindest im Netz (auf Youtube) nicht die gebührende Aufmerksamkeit.

Der Berichterstatter sah sich in der Gesellschaft von lediglich einem knappen Dutzend Leuten. Dabei war das Thema Entglobalisierung genau richtig gewählt, weil die vergangenen Pandemiejahre und der aktuelle Krieg im Osten die Lieferkettenproblematik und Transportprobleme gerade auch der auf der IFA vertretenen Industrien offenbart hat. Entglobalisierung scheint sich insofern als "universelles Heilmittel", wie es im Untertitel hieß, anzubieten. Daß man dem Philosophen Peter Sloterdijk den Überblick über das Thema anvertraute und dem mehrheitlich wohl technisch-ökonomisch orientierten Auditorium einiges zumutete, kann man nur loben, abgesehen davon, daß der in Halensee angesiedelte Wahlberliner Sloterdijk einen kurzen Weg zum Funkturm hatte.

Für ihn, der bereits 2005 eine philosophische Theorie der Globalisierung vorgelegt hat. war es selbstverständlich eine Kleinigkeit, frühere Phasen der Globalisierung in Erinnerung zu rufen, die Erschließung der beiden Amerikas, Magellans Erdumrundung, das Zeitalter der Kolonialisierung bis in das 19. Jahrhundert und darin u.a. die beiden Opiumkriege in und gegen China.

Mit dem ihm eigenen süffisanten Sarkasmus schien ihm die heutige Abhängigkeit des Westens von der Industrie- und speziell Chipproduktion Chinas dessen späte Rache an diesen Opiumkriegen zu sein. Er verglich die westlichen Volkswirtschaften mit Süchtigen (nach Rohstoffen, Vorprodukten und billigen Importwaren), denen gerade ein kalter Entzug verordnet werde. Die hierzu nötige gesellschaftliche Transformation werde jedoch Jahrzehnte dauern. Als Heilmittel kann ein Philosoph nur Erkenntnis anbieten, in diesem Falle Anerkenntnis der Realität.

Mit Anspielung auf die Staatsgründung der USA forderte Sloterdijk, sich künftig nicht mehr auf Unabhängigkeitserklärungen zu verlassen, sondern Abhängigkeitserklärungen zu erlassen, d.h. sich der Grenzen des eigenen Handelns und des Horizontes der eigenen Souveränität bewußt zu werden. Dies wurde dem Philosphen höflich als Hoffnungsaspekt zu Gute gehalten, doch hätte man das Argument, genau besehen, auch gegen die Politik wenden können, die seit Jahrzehnten genau diese Einsicht weggeschoben, um nicht zu sagen negiert hat. Statt dessen glaubte man, durch "Handel schafft Wandel" den Feind erziehen zu sollen und zu können.

Die Politik stand dann auch im Raum, in Gestalt des früheren grünen Umweltministers Jürgen Trittin, MdB, und in der Tat hörte man von dem Politiker hauptsächlich Wunschvorstellungen und Absichtserklärungen, die - wen wundert's? - weiterhin auf dem Primat der Politik basieren. Sie glaubt nach wie vor, den russischen Kriegsherrn mit Sanktionen treffen wollen zu sollen, obwohl die Schäden für das eigene Land bereits beträchtlich sind und noch weiter zunehmen werden. Da hätte man sich besser der alten Haustierweisheit erinnert: die Hand, die einen füttert, beißt man nicht.

Zu Trittins frommen Wünschen gehören die Rückkehr der Photovoltaik-Industrie und der Chipproduktion nach Deutschland, d.h. die ökonomische Vernunft, welche die Abwanderung nach China seinerzeit veranlaßt hat, soll außer Kraft gesetzt werden. Und wieder einmal wird Reziprozität im Handel mit China angemahnt. Dumm nur, wenn diejenigen, die am längeren Hebel sitzen, Reziprozität nicht nötig haben.

Zu Trittins unfrommen Wünschen gehört einerseits die Vorstellung, die deutsche Energieversorgung auf dem Weltmarkt schon deshalb einschränken wollen zu sollen, weil Energie dann durch stärkere Nachfrage für die ärmeren Länder teurer werde. Und andererseits pries er geradezu den Segen der hohen inländischen Energiepreise als Heilmittel gegen den "Energiehunger", liefert also einen größeren Teil der deutschen Bevölkerung zynisch der Pauperisierung aus.

Ein Blick auf die ökonomische Realität, wie ihn Prof. Dr. Lisandra Flach vom IFO-Institut und Dr. Sara Warneke, gfu, warfen, rückt ohnehin andere Gesichtspunkte in den Vordergrund. Laut Flach hat sich die Weltwirtschaft nach der Pandemie nicht nur rascher als erwartet erholt, sondern ist stärker als zuvor vernetzt. Von Deglobalisierung könne also keine Rede sein. Gleichwohl wird die Abhängigkeit von Lieferketten als Problem gesehen und mit Diversifikation gegengesteuert.

Resilienz wird nunmehr als strategisches Ziel verstanden. Man weiß, daß die Entkoppelung globaler Lieferketten mit Wohlstandseinbußen verbunden ist, doch die Fortführung der bisherigen Lieferkettenarchitektur beschert offensichtlich ebenfalls Wohlstandsverluste. Die Entscheidung wird also nicht einfach werden. Wie Warneke zeigte, wird die Globalisierung regional auch höchst unterschiedlich wahrgenommen. Wenn die Zustimmung zum Satz, die heutige Welt sei zu globalisiert, abgefragt wird, ergeben sich vergleichsweise moderate Werte für China, USA und Deutschland, offenbar den Nutznießern der Globalisierung.

In Indien hingegen trifft man auf eine überwältigende Zustimmung, d.h. ein ausgeprägtes Leiden an der Globalisierung. Generell wächst die Aufmerksamkeit gegenüber der Herkunft von Produkten und dem Verhalten der Hersteller. Die Aktivistin Jule Bosch deutete an, daß Entglobalisierung auch nicht automatisch umweltfreundlich sei, zog aber falsche Begründungen dafür heran, so daß dieses Argument dahingestellt bleiben mußte. Auch das Plädoyer für "pay per use", also die Substitution von Besitz durch Mietmodelle, m.a.W. chronifizierte Tributpflicht, ist weder neu - man denke an J. Rifkin -, noch wurde es stichhaltig begründet.

Daß eine Firma wie Rolls-Royce damit erfolgreich war, heißt ja nicht, daß dieses Modell für den Massenmarkt taugt. Im Gegenteil, dort, wo es einzelne Unternehmen oktroyiert haben, entstehen dem Kunden höhere Kosten und Autonomieverlust. Bei PC-Software kennt man dgl. beispielsweise von Microsoft ("Office365") und Adobe (Photoshop in der "Creative Cloud") für eine typisch gewerbliche Zielgruppe mit einschlägigen steuerlichen Möglichkeiten, aber auch E-Books ohne Besitzrecht des Lesers. Gleiches gilt für Miele-Waschmaschinen für Hotels, entsprechende Angebote bei Bosch oder Leasing-Automobile.

Nein, Kollektivierung von Konsumentscheidungen ist sicher der falsche Weg. Mit einem gut funktionierenden Gebrauchtgeräte- und Ersatzteilmarkt ist dem Anliegen besser gedient. Der Verbraucher kauft Produkte ja auch nicht, um damit möglichst viel Müll in die Welt zu bringen, sondern um sie seinen finanziellen Möglichkeiten entsprechend zu nutzen. Der Markt regelt das mühelos.

Aber die Hersteller müssen zu produktspezifischer Nachhaltigkeit verpflichtet werden, die sie aufgrund ihrer Marktmacht und weil sie dem eigenen Geschäftsmodell zuwiderläuft dem Kunden bisher verweigern: also wechselbare Akkus in Smartphones und Notebooks und Netzteilkompatibilität, allgemein Reparaturfreundlichkeit, Schnittstellenoffenheit und -verbindlichkeit, Beendigung der Inkompatibilitätserzeugung bei PCs durch Betriebssystemvorgaben und verweigerte Treiberaktualisierung bei Peripheriegeräten, Smart-Home-Interoperabilität usw.

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